Ennies: Tiefschlag für 4e?


Fundstück:
Cyric spekuliert in seinem Blog über die Bedeutung der Ennie-Awards für die 4. Edition von D&D und ihre Zukunft. Dabei geht er von der Annahme aus, dass die Anzahl der Awards die Wizards dieses Jahr für 4e-Produkte einheimsen und die Anzahl die Paizo einheimst für Pathfinder eine Relevanz besitzt für die Zukunft der 4. Edition. Ich weiß nicht, ob ich so eine Meinung teilen will, aber wenn das gezeichnete Szenario so oder so ähnlich eintreten würde, wäre das wirklich traurig.

Aber ich glaube nicht, dass die Ennies einen dermassen großen Einfluss besitzen. Die Verkaufszahlen sind da schon eher relevant, nur haben wir über den Bereich wenig feste Informationen. Wenn ich in meinen Rollenspielladen vor Ort gucke, kann ich auf jeden Fall nicht feststellen, dass Paizo mit seinen Pathfinder-Produkten das Regal dominieren würde. Und selbst wenn: Hier gibt es wahrscheinlich große lokale Unterschiede.

Das Szenario

  • die Essential Line erscheint und wird nun auch noch die 4th Ed Gemeinde weiter zersplittern
  • während die 4th Ed Core Rules ein Jahr lang keine neuen Produkte erhalten, wird die Essential Line lediglich einen anfänglichen Erfolg auf dem Markt aufweisen – den einen werden die Änderung zu weit gehen, den anderen bei weitem nicht weit genug, um sie von alten (A)D&D Versionen zurück zu gewinnen und alle anderen bleiben einfach bei den bestehenden 4th Ed Regelwerken
  • Im Frühjahr des Jahres 2011 wird WotC den Aufwand für die Essentials den Erlösen gegenüber stellen, dann Prognosen zu einem Aufleben der Core Reihe erarbeiten – und der Aufwand / das finanzielle Risiko wird sich, auch gegenüber den Eigentümer Hasbro, nicht mehr rechtfertigen lassen
  • Im Herbst 2011 WotC wird die D&D Lizenz für den Bereich Rollenspiel Print Prublikationen veräussern und nach derzeitiger Marktstruktur wird Paizzo mehr als glücklich sein, diese zu erwerben.

Das obige Szenarion – meiner Meinung nach

Innovation

Wenn es wirklich so kommt (und daran glaube ich im Moment nicht wirklich), dann wäre das wirklich traurig. Dann wäre das wohl ein Beweis dafür, dass der Rollenspielmarkt unter ähnlichen Problemen leidet wir der US Comic-Markt: Dominiert von Alt-Fans, die immer noch den Träumen und Erinnerungen ihrer Jugend hinterher jagen, ist es einfach sehr schwierig Innovationen und Fortschritt in den Markt einzubringen. Gleichzeitig macht es der Mangel an Fortschritt es neuen Fans nicht einfach, überhaupt in den Markt einzutreten. Die Welt hat sich nun Mal weiter gedreht und damit verändern sich natürlich auch die Meinungen und Interessen der potentiellen Spieler. Am Ende stehen schwindende Verkäufe und Gewinne.

Dass die Essentials im Moment so polarisieren ist wohl einem guten Teil dem Marketing der Wizards zu verdanken. Anstatt bestehenden Fans über den DDI Mal einen vernünftigen Einblick in zumindest einer der neuen Klassen, aeh, Entschuldigung, Builds (wobei: Der Fighter ist jetzt nicht mehr zwingend ein Defender, sondern kann ein Striker sein. Je nach Build. Reden wir doch lieber von Klassen hier.) … also noch Mal.

Anstatt den bestehenden Fans Mal einen vernünftigen Einblick in die neuen Klassen zu bieten, kriegen wir nur Häppchen angeboten aus denen sich keine Spielbare Information im Vorraum ablesen lässt. Also spekulieren alle Fans, und diejenigen, die 4e angenommen haben sind natürlich jetzt besorgt um die Zukunft „ihres“ Systems. (Ich ja auch)

Ein Schritt zurück (ja. der Meinung bin und bleibe ich) in ein Regelsystem im Stile der 3rd Edition würde mich wieder Zwingen, die alten Probleme dieser Edition zu adressieren: Die klassische Spotlightverteilung, die zwar abgeschwächten Save or Die Probleme, die vielen Situationen in denen ein Charakter zum zuschauen verdammt ist anstatt seinen Kumpels helfen zu können. (Oder kennt ihr beispielsweise Krieger, die ausser kämpfen noch vernünftig eingreifen können? Und wenn ja: Wo nehmt ihr dann die Skillpoints her um das zu rechtfertigen?) Auch die mangelnde Unterscheidbarkeit der Charaktere in der 3. Edition (von ihren Fähigkeiten her) – Magier natürlich ausgenommen – empfinde ich als ein Trauerspiel. Natürlich gibt es den Krieger, der eine tolle Wirbelwindattacke beherrscht und den der mit zwei Waffen kämpft, aber da hört es dann auch schon fast auf. Will man sich weiter diversifizieren muss man die Schranke seiner Klasse durchbrechen, mit allen Problemen, die damit zusammen hängen. (Da muss man nur Mal ins das CharOp Forum schauen für die alten d20 Editionen)

Eine 5. Edition, die zurückgeht in ihren Wurzeln in eine 3. Edition würde den Spielwelten viel der gewonnen Vielfalt und Farbenfroheit nehmen, die mit der 4. Edition gewonnen haben. (Mal ehrlich: Zwischen dem Zwerg der 3. Edition und dem Elf der 3. Edition gibt es deutlich weniger fundamentale Unterschiede wie zwischen denen der 4. Edition und wenn man dann noch die Eladrin, die Gnome die Warforged und Shifter und so weiter und so weiter dazu nimmt … so offen war die Welt meiner Meinung nach noch nie. Und das alles ohne Level-Adjustment!)

Der Fokus auf das Balancing würde wohl so auch kaum noch erreicht werden. Dafür waren in 3e die Unterschiede im Design der Klassen dann wieder viel zu groß. Dafür waren aber auch das Playtesting und der gesamte Ansatz … naja, ich will nicht sagen „schlechter“ aber „zu anders“.

Es wäre einfach traurig.

Veräusserung der Lizenz?

Und wie sieht es mit der Veräusserung der Lizenz aus? Selbst wenn die 4. Edition beibehalten würde, wäre eine Veräusserung der Lizenz für das System eine Katastrophe. Es würde einfach sehr, sehr viel verloren gehen.

Keine andere Company besitzt zur Zeit die Möglichkeiten ein System dermassen gut zu playtesten wie die Wizards. Es würden sich zwangsläufig neue Probleme einschleichen. Auch die Instandhaltung und Fortentwicklung wäre sicherlich eine Nummer, die keine andere Firma so stemmen könnte. Regelmässige Erratas und Anpassungen der Regeln, wie es die DDI-Subscriber zur Zeit kennen würden wohl nicht mehr stattfinden.

Apropos DDI: Das würde dann wohl auch beendet sein. Ich glaube weder, dass es eine derartig enge Kooperation zwischen einer Drittfirma und den Wizards geben könnte, die es erlaubte, dermassen abgestimmte Inhalte über den DDI weiterhin in der bisherigen Forum zu bringen, noch kann ich mir vorstellen, dass jemand anders ein solches System auf die Beine stellen kann. Selbst wenn man die Software der Wizards für den Betrieb der Seite übernehmen könnte, dürfte allein dieser Betrieb jemand anderem nicht möglich sein. Aber man könnte ja die Magazine wieder in einer Print-Form auf den Markt bringen und damit vielleicht eine neue Offenheit erreichen. Im Moment bringen die Magazine ja nur dem DDI-Subscriber etwas.

Aber der Abschied von DDI wäre sicher nicht so schlimm. Mir gefällt zwar der Support hier, aber das liesse sich ja auch anders realisieren nur …

… Nur was wäre denn mit der Software-Unterstützung. Mir ist kein anderes System bekannt, dass eine derartig gute und umfassende Software zur Charaktererschaffung und -Entwicklung besitzt, was dermassen einfach zu bedienen ist. Das gleiche gilt für den Teil der Adventure Tools, die es geschafft haben: Dem Monster Builder. Auch was hier erreicht wurde ist einmalig. Und das Kompendium macht das Nachschlagen von Gegenständen, Monstern und sogar Regelbegriffen zu einem Kinderspiel.

So etwas kann wohl auch keine andere Firma schaffen. Es gab ja auch früher immer Mal wieder Ansätze dazu, aber meistens sind diese Ansätze schon nach wenigen Monaten gescheitert. Zwar gibt es Opensource-Entwicklungen in diesem Bereich (PCGen), aber wer hier Mal versucht hat, Regelelemente über das Grundbuch hinaus zu integrieren weiß schnell: Software ist ganz nett, aber ohne den Support des Herstellers, einfache Integrations- und Updatemechanismen, ist sie einfach nicht viel Wert. Selbst für D&D 3.5, das Rollenspiel das wohl die grösste Community hatte, gab es nicht wesentlich mehr als die Grundzüge (was sicher auch der Lizenz geschuldet war). Alles andere musste man selber machen.

Noch schlimmer wird es, wenn eine dritte Partei die Software entwickelt, die Spieler und Spielleiter unterstützen soll und hier Geld dafür bezahlt werden soll. Dieses System hat dann gleich mehrere Sollbruchstellen: Wenn es ein offizielles abkommen zwischen dem Softwarehersteller und dem Systementwickler gibt, müssen immer noch beide genug Geld verdienen, damit diese Verbindung funktioniert. Funktioniert die Kooperation nicht oder geht einer von beiden Hopps (eher der Softwarehersteller. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit so einer Nische genug Geld verdienen kann allein damit sich das Projekt selber trägt) wars das. Dafür soll ich dann Geld bezahlen?

Und ohne eine offizielle Lizenz? Im Bereich der 4. Edition hat vor kurzem Masterplan einen Cease and Desist Letter der Wizards erhalten und durfte daraufhin bestimmte Komfortfunktionen nicht mehr anbieten. Gut, Masterplan ist kostenlos, aber das Problem wird hier schon offensichtlich.
Fantasy Grounds wird wohl auch keine offizielle Erlaubnis besitzen und kostet auch noch Geld. Und das letzte wofür ich Geld bezahlen würde ist eine Software, welcher der Hersteller jederzeit den Support entziehen kann. (okay. Das kann auch passieren, wenn die Software vom Rollenspielentwickler selbst kommt. Aber wenn so etwas zur Strategie des Unternehmens gehört, ist das sehr viel unwahrscheinlicher, als wenn es ein Dritthersteller ist).

Alles in allem glaube ich, dass eine Veräusserung der Lizenz so oder so ein grosses Problem wäre.

Fazit

Ich betreibe hier absichtlich Schwarzmalerei und sage nicht, dass es so kommen muss. Ich hoffe es wirklich nicht, aber wenn es so kommt, dann sind wir wirklich in der Spirale der Fanboys gefangen: Es geht nicht voran, weil die Altspieler kaum Änderungen wünschen und weil es zu wenige Veränderungen gibt, gibt es nicht genug neue Spieler, und womit es wieder keinen Drang zur Innovation gibt. Und so stirbt der Markt langsam vor sich hin.

6 Antworten zu “Ennies: Tiefschlag für 4e?

  1. Als TSR in die Pleite schlitterte, dachten auch alle: dies ist das Ende von Rollenspiel im allgemeinen und D&D im besonderen. Und dann hat sich Wizards als Glücksgriff erwiesen.

    Leider ist kein einziger der alten Küstenzauberer mehr auf dem dümpelden WotC Kahn vorhanden. Und wenn man sieht, wie die D&D Designer Riege ausgeblutet ist – erschütternd. Wer weiss – vielleicht bringt ein kleineres, aber wendigeres und innovativeres Boot neuen Schwung. DAS ist zumindest meine Hoffnung.

  2. Wieso hier Pathfinder-Fans als „Gestrige“ verschrien werden, traurig, dass man das nötig hat.

    Als Softwaretipp: HeroLab, das hat mehr als die nötige Tiefe.

  3. Herolab ist so ziemlich eine der letzten Sachen, die ich kaufen würde: Ohne offiziellen Segen des Publishers wollen die also Geld für eine Software, der ebenfalls wieder Kinderleicht der Support entzogen werden kann. Klar, das OGL-Zeugs an sich findet man darin (das findet man auch in PCGen), aber was ist denn mit den ganzen weiteren Büchern?

    Oder gibt es da etwas wovon ich nichts weiß? (Und wovon wahrscheinlich auch die Wizards nichts wissen ….😉 )

  4. Und Pathfinder-Fans als gestrige? Weil das genau das Ziel von Pathfinder war. Es wollte ein D&D 3.5-artiges System anbieten um diejenigen, die keine/wenig Änderungen wollen bei der Stange zu halten.

    Was hat sich denn bei Pathfinder Revolutionär geändert? Probleme wie das Save or Die wurden abgeschwächt, sind aber immer noch da. Die Grundsätzlich unterschiedliche Machtprogression des Wizards und des Fighters sind immer noch da und stellen immer noch ein grosses Problem dar. Rogues können zwar jetzt mehr Monster Sneaken, aber sie sind trotzdem selten auf einer Linie mit den anderen Kämpfern und Clerics stehen immer noch meist dabei und Heilen anstatt aktiv einzugreifen. Kämpfer und Clerics sind auch immer noch Fachidioten, die in ihren Fähigkeiten einfach nicht besser werden und bei allem Skill-basierten eigentlich das Nachsehen haben sollen und mangelnde Varianz zwischen den meisten nichtmagiebegabten Charakteren ist immer noch die Regel.

    Klar gibt es Feats und es gibt auch MEHR Feats, aber es sind trotzdem nur Feats und die tragen eben nur „so weit“. Klar sind die Rassen ein wenig unterschiedlich aber die Unterschiede sind eben nicht so deutlich und drastisch wie in 4e (und auch nicht so zahlreich).

    Pathfinder folgt auch immer noch dem alten „Spotlight-Konzept“. Es gibt komplette Szenen, die den Rogue bevorzugen, die den Krieger oder den Magier bevorzugen oder einen Cleric. Und die Bevorzugung ist so deutlich, dass der Rest der Charaktere schnell zum reinen Support wird.

    Der ganze Punkt von Pathfinder war: Es soll nicht so viel Evolution geben. Dass in diesem Punkt von „gestrigen“ gesprochen wird, ist doch vollkommen richtig. Und wenn man zu Pathfinder steht, sollte man Stolz darauf sein. Ich glaube halt, dass diese Art der nicht-weiterentwicklung über kurz oder lang zum „Tod“ des gesamten Rollenspiels beitragen wird. (Tod in diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich etwas drastisch formuliert. Ich glaube nicht wirklich, dass der Markt komplett verschwindet. Aber er wird halt sehr klein werden. Daher meine Vergleiche mit dem US-Comic-Markt)

  5. Dann such dir doch ein weniger abwertendes Wort, kann ja nicht so schwer sein.

    @Herolab und dnd 4: Ich empfehle: http://tanelorn.net/index.php/topic,57727.0.html

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